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Scriptum . Geschichten . Deine Seele ist so dunkel wie das Meer.



Ich zähle die Schneeflocken.
Eins. Zwei. Sieben.
Wie konnte es bloß so kalt werden, ohne dass ich etwas davon mitbekommen habe? Na ja, höchstwahrscheinlich habe ich nicht einmal mehr gespürt, wie warm es vorher war. Das einzige Gefühl, das meine Nase, meine Finger, mein ganzer Körper kennt, ist sowieso nur noch Kälte. Und Taubheit. Alles ist irgendwie so furchtbar schwer.
So schwer, schwer, schwer…
Ich beneide die Schneeflocken.

„Camu?“
Mein kleiner Bruder war der einzige, der mich so nannte. Nennen durfte. Mein vollständiger Name lautete eigentlich Camilla, wie der widerliche Kräutertee.
„Ja, Timi?“
„Was machst du, Camu?“
Im Augenwinkel bemerkte ich, wie er neben mich auf die Fensterbank kletterte und seine kleine Hand auf die angelaufene Scheibe presste, den Abdruck bewundernd.
„Ich seh den Schneeflocken zu.“
„Das ist aber langweilig.“
„Du weißt doch, ich bin nie besonders lustig.“
Timi sprang wieder von der Fensterbank und tänzelte mit seinen kurzen Beinchen zur Türe. Kurz bevor er aus dem Zimmer war, hielt er noch einmal kurz inne.
„Camu?“
„Mmh?“
„Manchmal ist deine Seele so dunkel wie das Meer.“
Atemlos sah ich zur Tür, aber er war bereits fort.


22.11.08